| Ferdinand Schießl |
| 11 Jahre im Heim |
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1969 war das neugegründete Heim für Polio-Erkrankte der Stiftung
Pfennigparade in München fertiggestellt. Hier sollten wir Kinder aus
ganz Deutschland, die mit der durch die Kinderlähmung verursachten
Behinderung leben mussten, ein betreutes Zuhause finden. Da wir im
eigentlichen Sinne nicht mehr als krank zu bezeichnen waren, war das
Krankenhaus auf Dauer kein geeigneter Platz für uns. Meine Eltern gaben ihre Wohnung in Puchheim auf, zogen mir in die Pfennigparade und wir lernten das Zusammenleben als Familie. Ich bekam mein eigenes Zimmer. Das war bisher so weit außerhalb meiner Vorstellungskraft gelegen, dass ich es mir noch nicht einmal erträumt hatte. Die eiserne Lunge war mein Bett, ansonsten unterschied es sich nicht von üblichen Kinderzimmern. Ich genoss es von ganzem Herzen, ein eigenes Zimmer zu haben, zumindest tagsüber. Die Nächte jedoch waren katastrophal. Ich hatte noch nie zuvor alleine in einem Zimmer geschlafen und demzufolge ganz einfach Angst. Mit einer von meinem Vater gebastelten, batteriebetriebenen Klingel konnte ich mich von meiner Lunge aus im elterlichen Schlafzimmer bemerkbar machen, wenn ich etwas brauchte. Und ich machte mich bemerkbar, immer und immer wieder. Was ich brauchte, war meist nur die Gewissheit, dass meine Eltern mich wirklich hörten, dass sie da waren, dass ich nicht ganz alleine war. Es gab kein Durchschlafen mehr für die Familie. Da die schlaflosen Nächte offenbar nie enden wollten, beschlossen wir eines Tages, ich sollte in der Beatmungsstation der Pfennigparade schlafen. Dies erwies sich als die beste Lösung für alle. Ich brauchte nie mehr zu klingeln, weil ich wie damals im Krankenhaus ganz sicher wusste, dass jemand da war und meine Eltern genossen ihre verdiente, ungestörte Nachtruhe. Nachdem die Schuljahre im Krankenhaus mehr als Beschäftigungstherapie anzusehen waren, begann hier in der Pfennigparade der eigentliche,
ernsthafte Unterricht. Dieser begeisterte mich zwar nicht sonderlich,
gehörte aber zu meinem neuen Leben und ich nahm es hin. Was mich hier in
der Pfennigparade wirklich begeisterte, waren die vielen neuen Menschen,
die ich kennen lernte. Schnell fand ich nicht nur unter den anderen
Behinderten Freunde, sondern auch unter den Zivildienstleistenden, die
hier einen undankbaren und schlechtbezahlten Job ableisten mussten. Die
jungen Männer waren oft nicht viel älter als ich, doch sie konnten
meinen bisher so begrenzten Horizont um ein vielfaches erweitern. Es
klang für mich wie Geschichten aus einer anderen Welt, wenn sie von
Urlaubsfahrten, Lagerfeuer an der Isar oder von Freundinnen erzählten.
Gemeinsam hörten wir Musik, spielten nächtelang Karten oder besuchten
ein Konzert, einen Biergarten oder ein Kino. Es entwickelten sich
Freundschaften, die teilweise bis zum heutigen Tag bestehen. Das im wahrsten Sinne des Wortes ‚bewegenste’ Ereignis war, als ich meinen ersten Elektro-Rollstuhl bekam. Noch nie war es mir möglich gewesen, mich ohne fremde Hilfe auch nur ein kleines Stückchen fortzubewegen. Mit dem E-Stuhl war es mir bald problemlos möglich, die Pfennigparade ganz alleine bis in den letzten Winkel auszukundschaften. Den Joystick, mit dem ich Richtung und Geschwindigkeit bestimmen konnte, bediente ich mit der beweglichen rechten Hand, Aufzugknöpfe drückte ich mit einem Mundstab. Ich genoss das Gefühl, selbst mobil zu sein. Etwas länger dauerte es, bis ich mich auch außerhalb des Gebäudes alleine
zurecht fand. Denn ich hatte absolut keinen Orientierungssinn und
schreckliche Angst vor den Autos und den vielen Hindernissen, die
überall und in vielerlei Formen lauerten. In der Pfennigparade, zusammen mit meinen Eltern, verlebte ich eine fröhliche, unbeschwerte Jugendzeit. Trotzdem war es wohl ganz normal, dass ich im Alter von etwa 24 Jahren immer öfter daran dachte, mich sowohl vom Heim als auch von den Eltern loszulösen. Wie jeden anderen Jugendlichen störte es mich ungemein, dass ich alles in irgendeiner Weise rechtfertigen musste. Wollte ich zum Beispiel abends in meinem Zimmer Musik hören, so blieb meiner Mutter nichts anderes übrig, als so lange wach zu bleiben, bis ich genug hatte und sie mich in die Beatmungsstation bringen durfte. Wollte ich ins Kino, in ein Konzert oder einfach nur bummeln, musste ich um Begleitung bitten. Kein nichtbehinderter junger Mann in diesem Alter ließ sich auf Schritt und Tritt kontrollieren, lebte so in Abhängigkeit wie ich... |