Zwei Wochen vor meinem
2. Geburtstag im Jahr 1958 erkrankte ich an Kinderlähmung
(Poliomyelitis, kurz Polio genannt). Zu dieser Zeit durften Kinder erst
ab dem 2. Lebensjahr dagegen geimpft werden, was für mich zu spät war.
Das Krankheitsbild ist vielgestaltig, wobei es zwei
Hauptformen gibt. Die leichte, abortive Verlaufsweise, die bis zu 90 % der
Infektionen umfasst und nur 1 - 3 Tage dauert, kann fast unbemerkt verlaufen und
als Polio unerkannt bleiben. Dabei treten Fieber, Kopfschmerzen, Halsentzündung,
Erbrechen und allgemeine Unpässlichkeit auf, was eine Diagnose kaum möglich
macht. Die schwere Form jedoch beginnt ohne Vorboten ebenfalls mit Fieber und
heftigen Kopfschmerzen, dazu gleichzeitig Nackensteifigkeit, Muskelschmerzen und
Sensibilitätsstörungen und führt rasch zu den charakteristischen schlaffen
Lähmungen einzelner Muskeln oder ganzer Muskelgruppen und zum Verlust von
Reflexen. Welche Körperstellen von der Lähmung betroffen werden, hängt vom Sitz
der Krankheitsherde im Nervensystem ab. Die gefürchtetste Komplikation ist die
Atemschwäche, die durch Lähmung der Atemmuskeln oder durch Schädigung des
Atmungszentrums im verlängerten Mark eintreten kann.
Diese Form traf mich. Mit Ausnahme der rechten Hand waren
alle Extremitäten von der Lähmung betroffen, auch die Atemmuskeln. Innerhalb
kürzester Zeit lief ich blau an, wurde auf schnellstem Wege ins Schwabinger
Krankenhaus gebracht und sofort in die sogenannte "eiserne Lunge"
gesteckt.
Dieses Gerät erzeugt abwechselnd Über- und Unterdruck, was
einmal Ausdehnung, dann Zusammenpressen des Brustkorbes bewirkt. Dadurch wird
erst Luft eingesogen und danach ausgepresst, der Körper wird sozusagen zum Atmen
gezwungen. Lange Zeit lag ich nun 24 Stunden am Tag in diesem, damals monströsen
Blechkasten, der Körper hermetisch abgeschlossen, nur der Kopf befand sich
außerhalb. Eine enge Manschette um den Hals gewickelt verhinderte, dass Luft aus
der
Kammer entweichen konnte.
Ich war etwa 4 Jahre alt als man begann, das Gerät immer
wieder für kurze Zeit abzuschalten, um zu sehen, wie ich reagierte. Ich
reagierte panisch, hatte Todesangst, fühlte mich hilflos. Doch eines Tages
schnappte ich verzweifelt nach Luft und auf wundersame Weise schaffte ich es,
den lebensnotwendigen Sauerstoff mit Hilfe des Kehlkopfes in die Lunge zu
pressen. So erlernte ich die sogenannte "Froschatmung", eine anstrengende,
mühsame Art, ohne Unterstützung des bei mir verkümmerten Zwerchfells selber zu
atmen. Es dauerte Jahre, bis ich es schaffte, mich zwei bis drei Stunden am
Stück außerhalb der eisernen Lunge aufzuhalten.
Es waren etwa 15 Kinder auf der Polio-Station, mal mehr,
mal weniger. Die meisten, die wie ich auf die schwerste Art betroffen waren,
starben. Es war für mich alltäglich, dass ein Kind aus dem Zimmer gefahren wurde
und nie mehr wieder kam. Doch ich wollte leben - und die kleine Gruppe, die
übrig geblieben war, wollte beschäftigt werden.
Eine Lehrerin wurde eingestellt und wir wurden im
Krankenhaus "eingeschult".
Mit Schultüten beschenkt begann so etwaswie
Unterricht für uns damals etwa 6-8 jährigen. Täglich 2 bis 3 Stunden, je nachdem
wie lange wir es aushielten, wurde uns Lesen, Schreiben und Rechnen beigebracht.
Ich war 14 Jahre alt, als ich das Krankenhaus verlassen
konnte. Ein Leben ohne die Menschen in den weißen Kitteln war für mich zwar
unvorstellbar, aber ich war neugierig darauf...