Ferdinand Schießl
zurück zur Fotoseite Wenn Rollis fliegen

In meinem „ersten Leben“ war es für mich kein Problem und auch finanziell immer wieder mal erschwinglich, kurzentschlossen dem schlechten Wetter, einem langen Winter oder dem grauen Alltag zu entfliegen. Ein günstiges Last-Minute-Angebot in die Sonne war schnell gefunden und die Reisetasche flugs gepackt.

Denn in meinem ersten Leben war ich flexibel, spontan und beweglich. Das alles wäre ich eigentlich auch heute noch, hätte ich nicht den „Mann meines Lebens“ gefunden. Dieser Mann, Ferdinand, wiederum entfliegt, wie ich, leidenschaftlich schlechtem Wetter, langen Wintern und grauen Alltagen. Er ist auch genau so flexibel und spontan wie ich, lediglich die Beweglichkeit fehlt ihm. Nur mit einem Elektrorollstuhl ist ihm möglich, sich selbständig fortzubewegen.

Last-Minute-Angebote in die Sonne sind also Vergangenheit, „Entfliegungen“ müssen nun langfristig geplant und organisiert.


So zum Beispiel wollen wir im Januar 2007 für zwei Wochen auf eine kanarische Insel. Ein Freund, ebenfalls auf den Elektro-Rollstuhl angewiesen, schließt sich an. Im September beginnen wir mit den Vorbereitungen und finden glücklicherweise das Reisebüro unseres Vertrauens, welches für uns nach einem Ziel mit Direktflug und behindertengerechten Unterkünften sucht, sich dort nach Türbreiten oder Liftmaßen erkundigt, frühzeitig Ein- und Ausstieghilfe an den Flughäfen beantragt und der Fluggesellschaft zu übermitteln versucht, wie behindert der Kunde ist. Wir besorgen ärztliche Atteste, welche bestätigen, dass dieser unbewegliche, krumme, hilflose Mensch wider allen Erwartungen gesund genug ist, eine Flugreise zu überleben, wiegen und messen Rollstuhl, Atemgerät und sonstiges Sondergepäck.

Am 18. Januar früh morgens geht es dann los, das Ziel heißt La Palma.

Eigentlich geht es schon am 17. Januar los, da wir den Vorabend-Check-in nutzen, um das Reisegepäck ohne Hektik und Warteschlangen abzugeben. Am Eingang zum Zentralgebäude, wo sich der Abfertigungsschalter der Hapag Fly befindet, gibt es allerdings keine Parkmöglichkeit, auch nicht für Behinderte. Es ist alles reserviert für Taxis und Firmenfahrzeuge. Ferdi und ich steigen aus, laden das Gepäck auf einen Trolly und gehen ins Gebäude. Ferdis Helfer Frank bringt das Auto auf einen Behindertenparkplatz am Terminal B.

Doch alle Schalter der Hapag Fly im Zentralbereich sind wegen Umbauarbeiten geschlossen und befinden sich, wie wir an der Information erfahren, vorübergehend im Terminal B.

Na, wenigstens steht das Auto schon mal richtig!

Nach einem gewaltigen Marsch durch die ästhetisch strukturierte bauliche Anlage, für deren hohe Qualität und betriebliche Wertschöpfung der Flughafen München etliche Auszeichnungen und Preise erhielt, finden wir endlich den Schalter. Das Personal an der Abfertigungsstelle erweist sich als sehr hilfsbereit und freundlich. Das Übergepäck ist genehmigt und stellt kein Problem dar. Da wir fälschlicherweise davon ausgegangen waren, hier auch spezielle Aufkleber für sehr vorsichtig zu behandelnde Gepäckstücke zu bekommen und wir die lebenswichtigen Atemgeräte keinesfalls ohne diese deutlichen Hinweise aufgeben wollen, sucht und findet die nette Dame in irgendeiner Schublade doch noch welche. Nachdem sie sich vergewissert hat, dass die bereits bei der Buchung des Flugs angeforderte Hilfe beim Einstieg informiert wurde und wir die am besten geeigneten Sitzplätze bekommen, sind wir recht zuversichtlich und fahren heim.


Um 5 Uhr 45 holen uns Freund Christian und sein Helfer James, der nur als Chauffeur fungiert, ab. Mit auf die Reise geht Helfer Michi, den wir am Flughafen treffen werden. Die Bagage besteht nur noch aus unserem Handgepäck, zwei klappbaren Rampen und einer sogenannten Hustenmaschine, welche Christian kurzentschlossen zusätzlich zu den angemeldeten medizinischen Geräten mitnehmen möchte, da er vor kurzem an einer Erkältung gelitten hatte. Dank unserer gestrigen Erfahrungen parken wir sofort am Terminal B und erreichen den Schalter auf dem kürzesten Weg. Michi ist wie verabredet da und James fährt mit Christians Auto wieder heim. Es gibt wieder kein Problem mit dem Gepäck, die Dame am Check-in ist ebenfalls sehr hilfsbereit und freundlich.

Der Flug hat etwa eine Stunde Verspätung. Ferdinand und Christian nützen die Zeit, um ganz in Ruhe noch einmal auf die Toilette zu gehen, was für sie ja im Flugzeug wegen der sehr engen WCs nicht mehr möglich sein wird. Wenn sie erst mal auf ihren Sitzen „verstaut“ sind, sind sie völlig immobil.

Dann läuft alles beinahe perfekt.

Da Passagiere mit Behinderung immer als erste ein- und als letzte aussteigen und wir bei der Buchung angegeben haben, dass es sich beim Grad der Behinderung um „WCHC“ (Wheel Chair Cabin Seat) handelt, was bedeutet, dass dieser Gast immer einen Rollstuhl benötigt, sich auch in der Kabine nicht ohne fremde Hilfe bewegen kann und einen eigenen Rollstuhl mitführt, kommen wir, begleitet von zwei Männern vom MD Medicus, welche den beiden Behinderten beim Einsteigen helfen werden, ohne Gedränge bis vor die Tür des Flugzeugs. Christian, aufgrund von Muskelschwund geh- und stehbehindert, ist stabil genug, um hier in den flughafeneigenen Rollstuhl gesetzt zu werden, welcher schmal genug ist, um durch den sehr engen Gang zwischen den Sitzreihen geschoben zu werden. Da auch der Abstand zwischen den einzelnen Sitzreihen sehr knapp bemessen ist, wird es zwar eine anstrengende Aktion, den großen, kräftigen Mann auf seinen Platz am Fenster zu hieven, aber es klappt. Ferdinand, nach schwerer Kinderlähmung im Alter von 2 Jahren körperbehindert, kann in diesem Flughafen-Rollstuhl nicht transportiert werden, da er so wie man ihn reinsetzt auch wieder rausrutschen würde. Er muss in die Kabine getragen werden, was mit seinen etwa 40 kg kein Problem ist, wenn man weiß, wie man ihn trägt. Die verstellbare Rückenlehne seines Elektrorollstuhls wird ganz flach gestellt, so dass er im Rollstuhl liegt. Ich zeige dem Medicus-Angestellten, wie er einen Arm unter Ferdinands Schulter, den anderen unter seine Oberschenkel schieben, ihn horizontal hochheben und so auch wegtragen kann. Der Mann macht das hervorragend und legt ihn sichtlich erleichtert auf unsere Sitzreihe. Ihn auf dem Fensterplatz auch noch hinzusetzen ersparen wir ihm, da ich im Gegensatz zu ihm genau weiß, wie und wo man Ferdinand anpacken kann, ohne ihm unnötig weh zu tun. Doch erst müssen wir, Michi und ich, uns um die Rollstühle kümmern, die in den Laderaum gebracht werden müssen. Wir schalten also die Batterien ab, stellen auf manuelle Fahrweise um, so dass die über 80 kg schweren Gefährte geschoben werden können und zeigen dem Personal, welche Hebel sie quasi als Bremse umlegen müssen, damit die E-Rollis während dem Flug sicher stehen. Die ersten Passagiere drängen bereits durch das Terminal, also nichts wie weg mit den Rollstühlen…

Nun kümmere ich mich darum, dass Ferdinand zumindest beim Start ordnungsgemäß auf seinem Fensterplatz sitzt. Zwischen den Rückenlehnen der Vordersitze und unserer Sitzbank ist kaum Platz genug, dass ich vernünftig stehen kann. Doch irgendwie schaffe ich es, ihn am Rücken hochzuheben, gleichzeitig seine Beine in Sitzstellung zu bringen und seinen Po nach hinten zu schieben, den Gurt festzumachen und es ihm mit Hilfe unserer eigenen Kissen und Decken einigermaßen bequem zu machen. Einfacher wäre die Aktion, wenn er auf dem Platz am Gang sitzen könnte, da man hier mehr Bewegungsfreiheit hätte. Aber die Fluggesellschaft, so erklärte man mir, besteht darauf, gehbehinderten Menschen Fensterplätze zuzuweisen, weil diese sonst bei eventuellen Rettungsaktionen nichtbehinderte Menschen behindern würden…

Wir haben Glück, der Flug ist nicht ausgebucht und der dritte Platz in unserer Reihe bleibt frei. Ferdinand kann nämlich keinesfalls 5 Stunden (so lange dauert, da wir wie bereits erwähnt als erste ein- und als letzte aussteigen, für uns etwa ein 4-Stunden-Flug) sitzen. Nach dem Imbiss, der uns serviert wird, zwänge ich mich also wieder zwischen Rückenlehne und Sitzbank und bemühe mich, ihn hinzulegen ohne ihm große Schmerzen zuzufügen. Sein Kopf auf meinem Schoß bedeutet, dass ich nun beinahe ebenso unbeweglich bin wie er. Wir sind heilfroh, dass zur Landung niemand verlangt, er solle wieder ordnungsgemäß sitzen!


Ich habe das Gefühl, die Schlange der aussteigenden Passagiere endet nie. Doch der Schein trügt, endlich sind nur noch eine Stewardess und wir 4 im Flugzeug. Im hinteren Teil der Kabine beginnt das Reinigungspersonal mit ihrer Arbeit. Wir stellen erschrocken fest, dass kein sogenannter „Finger“ vom Flieger in das Flughafengebäude führt, sondern das Flugzeug über Treppen auf das Vorfeld verlassen werden muss. Zwei spanische Angestellte des dortigen Flughafen-Behindertenservice kommen mit dem schmalen Flughafen-Rollstuhl, setzen Christian hinein, schieben ihn bis zur Tür und heben ihn samt Rollstuhl die Treppen hinunter. Sein Elektrorollstuhl steht unten parat, er wird umgesetzt und alles ist gut.

Ferdinands Rollstuhl ist noch nicht da. Die Stewardess erklärt mir, dass das Personal vom Gepäckservice es nicht schafft, die Bremsen zu lösen und ihn auf irgendeine Weise zu bewegen. Ich solle doch bitte behilflich sein.

Das bin ich doch gerne! Im Laufschritt die Treppen runter, um das Flugzeug herum zum Laderaum, wo der Rollstuhl hilflos rumsteht. Ich versuche, die Batterien wieder zu aktivieren, doch es klappt nicht. Vielleicht bin ich zu nervös. Also lege ich nur die beiden Bremshebel um und schiebe das Gefährt bis vor die Treppe. Nun schnell die Bremse wieder rein und die Gangway rauf. Hilflos, heftig gestikulierend und mit der Stewardess diskutierend stehen die eigentlich hilfsbereiten Männer vor der krummen und wehrlos daliegenden Gestalt namens Ferdinand. Als ich ihnen zeigen will, wie sie ihn anpacken sollen, schütteln sie energisch den Kopf.

Sie wollen ihn nicht tragen, es sei zu gefährlich, übersetzt die Stewardess.

Mein Angebot, ich würde ihn selber hinunter tragen, wird sowohl von der Flugbegleiterin als auch von Ferdinand rigoros abgelehnt.

Die Putzkolonne wartet bereits ungeduldig darauf, dass wir den Weg freimachen und sie weitermachen können. Da ich kein Spanisch verstehe, weiß ich nicht, warum sich einer der beiden plötzlich doch zeigen lässt, wie Ferdinand getragen werden kann. Nachdem ich also die Griffe vorgeführt habe, ziehe ich ihn am Kopf soweit vom Sitz heraus auf den Gang, dass der nun so bereitwillige Angestellte ihn problemlos unter Schultern und Oberschenkel fassen, anheben, aus dem Flugzeug und die Treppen hinunter tragen und sicher in seinen Rollstuhl legen kann. Wieder schaffe ich es nicht, die Batterien, die ich mit einem dafür vorhandenen Magnet abgeschaltet hatte, wieder anzuschalten. Doch Michi stellt rasch fest, dass der Stecker vom Motor herausgezogen worden war.

Jetzt funktioniert alles, wir können quer über das Vorfeld ins Gebäude, um unser Gepäck zu holen.

Der Hinflug war geschafft! Unser Gepäck ist vollzählig und heil, eine TUI-Angestellte begleitet uns zu dem bestellten und parat stehenden Sondertransfer ins Hotel. Wir genießen zwei Wochen La Palma mit Sonne und Meer in einem für Rollstuhlfahrer bestens geeigneten Hotel.


Drei Tage vor dem Rückflug:

Sicherheitshalber erkundigen wir uns bei der Dame von TUI (da ich ihren Namen nicht mehr weiß, nenne ich sie für den Rest der Geschichte „Maria“), ob in Sachen Transfer, Behindertenservice und Flugzeiten irgendwelche Änderungen zu erwarten sind. Keine Änderungen, erfahren wir, doch mit der Einstiegshilfe für Ferdinand gäbe es Komplikationen. Die Angestellten, die beim Aussteigen geholfen haben, hätten sich beschwert. Ferdinand sei zu schwer, um ihn ohne den Flughafen-Rollstuhl aus dem oder in das Flugzeug zu tragen. Christian, der gut 20 kg schwerer als Ferdinand ist, kann bei dieser Aussage ein schadenfrohes Grinsen nicht unterdrücken.

Aber die Fluggesellschaft wollte sich noch etwas einfallen lassen, wir bekämen noch Bescheid und brauchten uns keine Sorgen zu machen. Ein Anruf am nächsten Tag versichert uns, es sei alles geregelt.

Der Transfer ist pünktlich. Am Flughafen empfängt uns Maria, begleitet uns zum Check-in und regelt dort, der spanischen Sprache mächtig, alles für uns. Nach einem Blick auf die Platzkarten stellt Christian fest, dass er die Sitze „C“ und „D“ bekommen hat. Da zwischen diesen beiden Sitzen der Gang liegt, würde sein Helfer Michi also nicht direkt neben ihm sitzen, was jedoch dringend erforderlich war. Maria versteht das, sammelt unsere Bordkarten wieder ein und geht erneut an der Schalter, um das zu ändern. Als sie die neuen Karten bringt, haben Ferdinand und ich „C“ und „D“, was ja noch unmöglicher war. Aber das wäre nur auf dem Papier so, erklärt Maria, für uns beide wären nun 4 Sitze, also „A“ bis „D“ reserviert, weil das Flugzeug nicht ausgebucht sei.

Nun versucht sie, obwohl sie es auch noch nicht genau wusste, uns zu erklären, was sich das Hilfspersonal hat einfallen lassen, um den schweren Jungen Ferdinand nicht die Treppen hinauf ins Flugzeug tragen zu müssen:

Christian im Rollstuhl, Michi und ich mit allem Handgepäck sollten ganz normal durch die Kontrollschleusen in den Warteraum gehen, Ferdinand würde mit einem „Spezialauto“ an das Flugzeug gebracht.

Wieder hat der Flug etwa 1 Stunde Verspätung. Als es endlich soweit ist, verabschiede ich mich von Ferdinand und überlasse ihn der netten Maria. An der Kontrollschleuse kommt es zu ersten Unklarheiten, da ich zwei Bordkarten habe, aber nur eine Person bin. Wie sollte ich der nur spanisch sprechenden Angestellten erklären, dass die zweite Person ein Rollstuhlfahrer ist, der mit irgendeinem Fahrzeug an oder vielleicht auch in das Flugzeug gebracht wird? Ich versuche das Unmögliche mit Händen und Füßen so lange, bis sie aufgibt und mich gehen lässt. Gerade habe ich sämtliches Gepäck auf das Fließband gelegt, welches es durch den Röntgenapparat schleusen wird, als ich hinter mir laut meinen Namen rufen höre:

„Karin, Karin halt – wir brauchen dich!!!“

Maria winkt aufgeregt. Mein Gepäck wandert langsam weiter, während sie der spanischen Angestellten leidenschaftlich zu erklären versuchte, dass ich nochmal zurück muss.

„Was mach ich mit dem Gepäck?“ ruf ich ihr zu. Christian und Michi hatten die Kontrollschleuse bereits passiert und sicher nicht mehr mitbekommen, dass ich l zurück sollte. Also würden sie wahrscheinlich auch mein Gepäck auf der anderen Seite nicht aufsammeln.

„Nimm alles wieder mit…“

Gerade noch rechtzeitig schnappe ich mir alle Teile, erwische glücklicherweise auch noch Ausweise, Tickets und Geld aus dem kleinen Körbchen, das eben im Röntgenapparat verschwinden wollte und kämpfe mich vollgepackt entgegen dem Menschenstrom.

Was war geschehen?

Das „Spezialauto“, in dem Ferdinand zum Flugzeug gefahren werden sollte, war schlicht und einfach ein Sanitätswagen, in welchem er auf einer Trage liegend transportiert wurde. Ferdinand hatte sich geweigert, sich von den Sanitätern ohne genaue Instruktionen, die er ja nicht geben konnte, weil sie nur Spanisch verstanden und Maria die Verantwortung nicht übernehmen wollte, vom Rollstuhl auf die Trage legen zu lassen.

Ich stelle alle Taschen ab, hebe Ferdinand auf die Trage und bitte Maria, den Sanitätern zu übersetzen, dass sie Ferdinand nur in meinem Beisein ins Flugzeug bringen sollen.

„Was passiert nun mit dem Rollstuhl?“ frage ich, als Ferdi, dem genau wie mir das alles nicht ganz geheuer ist, weggebracht wird.

„Ich weiß nicht…“ Maria ist ratlos. „Kannst du ihn auch fahren? Kannst du ihn nicht mitnehmen?“

Kann ich, klar doch.

Ich lade mein Handgepäck auf den Rollstuhl, schalte ihn ein und lenke ihn vorsichtig, den Joystick von der Seite aus bedienend, durch die Menschenmenge. Ein wenig Übung habe ich ja glücklicherweise, doch ganz wohl ist mir nicht dabei.

Wieder lege ich vor der Kontrollschleuse alles auf das Laufband, den Rollstuhl muss ich durch einen separaten Eingang fahren, wo er provisorisch abgetastet und kontrolliert wird. Maria wünscht mir alles Gute und ist sichtlich erleichtert, ihren Part hiermit abgeschlossen zu haben.

Christian und Michi amüsieren sich köstlich, als ich ihnen die Story erzähle, nachdem ich mit Gepäck und Rollstuhl bis zu ihnen ganz nach vorne zum Ausgang vorgedrungen bin. Das Flugfeld liegt vor uns, wir sehen weder unser Flugzeug noch das Sanitätsauto, in dem Ferdinand liegt.

„Die haben ihn bestimmt in irgendein Flugzeug gesteckt!“ scherzt Christian. „Hauptsache, der schwere Krüppel ist weg…“

Wir werden aufgerufen, zum Ausgang zu kommen. Trotz meiner Nervosität habe ich den Rollstuhl gut im Griff, bringe ihn sicher ans Flugzeug, wo die Leute vom Gepäckservice schon darauf warten. Während ich den Motor abschalte, den Schalter diesmal gleich selber abziehe und den Gepäck-Leuten zeige, wie man Bremse an- und abstellt, fragt mich ein Mann in Uniform, ob ich Englisch spreche und ob ich wüsste, wie der Behinderte aus dem Sanitätsauto in Flugzeug gebracht werden könnte.

Die Männer vom Gepäck haben scheinbar alles verstanden, bringen den Rollstuhl in den Laderaum und ich erkläre dem Uniformierten, dass man ihn wohl die Treppen hinauftragen müsse.

So und nicht anders geschieht es dann auch.

Ferdinand hatte diese Aktion etwas anders erlebt. Niemand im Auto sprach deutsch oder englisch, niemand konnte ihm irgendetwas erklären. In rasantem Tempo war das Sanitätsauto um das Flughafengebäude herum auf das Vorfeld gefahren und dann einfach vor dem Flugzeug stehen geblieben, ohne dass irgendetwas passierte. Die Zeit verging, er sah das Flugzeug, sonst nichts. Er wusste nicht, ob wir und die anderen Passagiere bereits eingestiegen waren und die Zeit des Wartens erschien ihm endlos. Nicht nur ein Stein, schon eher ein ganzes Gebirge fiel ihm vom Herzen, als er endlich auf seiner Trage aus dem Wagen gebracht und vor die Gangway gefahren wurde, wo Christian in seinem Rollstuhl, Michi und ich auf ihn warteten.

Nun wird, wie in München, Christian auf den schmalen Rollstuhl gesetzt, die Treppen hinaufgetragen und auf seinen Platz gehievt. Danach Ferdi, ohne Rollstuhl…

Wir sind sprachlos ob des grandiosen Einfalls, wie man das Einsteigen erleichtern konnte! Der Flugkapitän schien von der Aktion ebenfalls sehr beeindruckt und will kurz mit mir sprechen.

Es sei das erste Mal, dass er mit schwer körperbehinderten Passagieren an Bord konfrontiert sei, erklärt er mir freundlich. Es interessierte ihn, ob wir eine spezielle Gruppenreise für Behinderte und die zusätzlichen Sitze gebucht hätten. Als ich dies verneine und erkläre, dass wir ganz privat unterwegs sind, dass wir zwar die Ein- und Ausstiegshilfe für die Behinderten beantragt, jedoch nur jeweils einen Sitzplatz gebucht hätten, ist er sehr überrascht.

„Es gibt doch die Möglichkeit, einen Stretcher für liegend zu transportierende Passagiere anzufordern!“

Das ist wohl richtig. Wir hätten bei der Einstufung des Behinderungsgrades anstelle von „WCHC“ (wie anfangs erläutert) auch „STCR“ (das heißt Stretcher und bedeutet, dass der Gast liegend transportiert werden muss) angeben können. Doch dazu muss man eine ganze Sitzreihe, die ausgebaut werden muss um Platz für diese Trage zu machen, bezahlen.

„Wenn es sich um einen Krankentransport handelt, werden diese Kosten von der Kasse bezahlt, “ erkläre ich ihm. „Wir müssten das selber bezahlen und könnten uns somit keinen Urlaub mehr leisten!“

Er versteht dies gut und ist schockiert, dass wir bei einem Flug immer damit rechnen müssen, mit nur zwei Sitzen zurechtzukommen.

Das Interesse und Mitgefühl des Flugkapitäns fand ich toll!

Ankunft in München.

Auch hier kein „Finger“ vom Flugzeug ins Gebäude, auch hier nur die Treppe aufs Vorfeld. Aufs Neue muss ich den Männern vom Behinderten-Service deutlich machen, dass Ferdinand nicht mit dem Flughafen-Rollstuhl transportiert werden kann. Wieder weigern sich die Angestellten, ihn hinunter zu tragen.

„Wir lassen einen Stretcher kommen, “ erklärt einer der beiden. „Ich mach mir doch mein Kreuz nicht kaputt!“

Irgendwie schon Routine, wir nehmens gelassen hin.

Vom Fenster aus kann ich sehen, wie Ferdinands Rollstuhl aus der Ladeluke gehievt wird. Niemand weiß, wie die Bremsen zu lösen sind. Ich befürchte das Schlimmste, als ich zusehen muss, wie die ratlosen Arbeiter an Rücken- und Armlehnen zerren und ziehen, um das Gefährt zu bewegen.

„Kann ich nicht runtergehen und den Rollstuhl anschalten?“ frage ich in die Runde, die nur noch aus dem Flugkapitän, den Männern vom Behindertenservice, Ferdinand und mir besteht.

„Eigentlich ist das nicht erlaubt.“ erwidert der Kapitän.

Nach einem Blick aus dem Fenster auf den geschundenen Rollstuhl aber meint er: „Ich gehe mit Ihnen hinaus, dann dürften wir keine Schwierigkeiten bekommen!“

Dankbar überlassen mir die Männer vom Gepäck das schwere Vehikel. Ich schalte es ein und lenke es problemlos vor die Treppe. Der Angestellte vom Behindertenservice schaut interessiert zu und fragt plötzlich:

„Wie viel wiegt er denn?“

„Etwa 90 kg, “ erwidere ich.

Seine Reaktion, die in etwa war: „Puh, nein, keinesfalls!“ irritiert mich und ich frage nach:

„Sie meinen schon den Rollstuhl?“

„Nein, ich meine den Herrn im Flugzeug.“

Ich lache.

„Ach so, nein – der wiegt nur knapp 40 kg!“

„Also gut, dann mach ich es doch!“ entschlossen zieht er seine dicke Jacke aus, wirft sie seinem Kollegen zu und gefolgt von mir eilt er wieder die Treppe hinauf. Mittlerweile geübt ziehe ich Ferdi am Kopf zur Hälfte von der Sitzreihe auf den Gang, der Mann hebt ihn genau wie ich es ihm erklärt hatte hoch und trägt ihn sicher und problemlos hinunter zum Rollstuhl.

Das ist eine kleine, wahre Geschichte.

Sie ist keinesfalls ein Vorwurf an Fluggesellschaften, Flugpersonal oder Behindertenservice. Sie alle geben ihr Bestes!

Aber vielleicht regt diese Geschichte zum Nachdenken darüber an, wie man schwerst körperbehinderten Menschen eine Flugreise menschenwürdiger und trotzdem bezahlbar ermöglichen könnte…

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