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In meinem „ersten Leben“ war es für mich kein Problem und auch finanziell immer
wieder mal erschwinglich, kurzentschlossen dem schlechten Wetter, einem langen
Winter oder dem grauen Alltag zu entfliegen. Ein günstiges Last-Minute-Angebot
in die Sonne war schnell gefunden und die Reisetasche flugs gepackt.
Denn in meinem ersten Leben war ich flexibel, spontan und beweglich. Das alles
wäre ich eigentlich auch heute noch, hätte ich nicht den „Mann meines Lebens“
gefunden. Dieser Mann, Ferdinand, wiederum entfliegt, wie ich, leidenschaftlich
schlechtem Wetter, langen Wintern und grauen Alltagen. Er ist auch genau so
flexibel und spontan wie ich, lediglich die Beweglichkeit fehlt ihm. Nur mit
einem Elektrorollstuhl ist ihm möglich, sich selbständig fortzubewegen.
Last-Minute-Angebote in die Sonne sind also Vergangenheit, „Entfliegungen“
müssen nun langfristig geplant und organisiert.
So zum Beispiel wollen wir im Januar 2007 für zwei Wochen auf eine kanarische
Insel. Ein Freund, ebenfalls auf den Elektro-Rollstuhl angewiesen, schließt sich
an. Im September beginnen wir mit den Vorbereitungen und finden glücklicherweise
das Reisebüro unseres Vertrauens, welches für uns nach einem Ziel mit Direktflug
und behindertengerechten Unterkünften sucht, sich dort nach Türbreiten oder
Liftmaßen erkundigt, frühzeitig Ein- und Ausstieghilfe an den Flughäfen
beantragt und der Fluggesellschaft zu übermitteln versucht, wie behindert der
Kunde ist. Wir besorgen ärztliche Atteste, welche bestätigen, dass dieser
unbewegliche, krumme, hilflose Mensch wider allen Erwartungen gesund genug ist,
eine Flugreise zu überleben, wiegen und messen Rollstuhl, Atemgerät und
sonstiges Sondergepäck.
Am 18. Januar früh morgens geht es dann los, das Ziel heißt La Palma.
Eigentlich geht es schon am 17. Januar los, da wir den Vorabend-Check-in nutzen,
um das Reisegepäck ohne Hektik und Warteschlangen abzugeben. Am Eingang zum
Zentralgebäude, wo sich der Abfertigungsschalter der Hapag Fly befindet, gibt es
allerdings keine Parkmöglichkeit, auch nicht für Behinderte. Es ist alles
reserviert für Taxis und Firmenfahrzeuge. Ferdi und ich steigen aus, laden das
Gepäck auf einen Trolly und gehen ins Gebäude. Ferdis Helfer Frank bringt das
Auto auf einen Behindertenparkplatz am Terminal B.
Doch alle Schalter der Hapag Fly im Zentralbereich sind wegen Umbauarbeiten
geschlossen und befinden sich, wie wir an der Information erfahren,
vorübergehend im Terminal B.
Na, wenigstens steht das Auto schon mal richtig!
Nach einem gewaltigen Marsch durch die ästhetisch strukturierte bauliche Anlage,
für deren hohe Qualität und betriebliche Wertschöpfung der Flughafen München
etliche Auszeichnungen und Preise erhielt, finden wir endlich den Schalter. Das
Personal an der Abfertigungsstelle erweist sich als sehr hilfsbereit und
freundlich. Das Übergepäck ist genehmigt und stellt kein Problem dar. Da wir
fälschlicherweise davon ausgegangen waren, hier auch spezielle Aufkleber für
sehr vorsichtig zu behandelnde Gepäckstücke zu bekommen und wir die
lebenswichtigen Atemgeräte keinesfalls ohne diese deutlichen Hinweise aufgeben
wollen, sucht und findet die nette Dame in irgendeiner Schublade doch noch
welche. Nachdem sie sich vergewissert hat, dass die bereits bei der Buchung des
Flugs angeforderte Hilfe beim Einstieg informiert wurde und wir die am besten
geeigneten Sitzplätze bekommen, sind wir recht zuversichtlich und fahren heim.
Um 5 Uhr 45 holen uns Freund Christian und sein Helfer James, der nur als
Chauffeur fungiert, ab. Mit auf die Reise geht Helfer Michi, den wir am
Flughafen treffen werden. Die Bagage besteht nur noch aus unserem Handgepäck,
zwei klappbaren Rampen und einer sogenannten Hustenmaschine, welche Christian
kurzentschlossen zusätzlich zu den angemeldeten medizinischen Geräten mitnehmen
möchte, da er vor kurzem an einer Erkältung gelitten hatte. Dank unserer
gestrigen Erfahrungen parken wir sofort am Terminal B und erreichen den Schalter
auf dem kürzesten Weg. Michi ist wie verabredet da und James fährt mit
Christians Auto wieder heim. Es gibt wieder kein Problem mit dem Gepäck, die
Dame am Check-in ist ebenfalls sehr hilfsbereit und freundlich.
Der Flug hat etwa eine Stunde Verspätung. Ferdinand und Christian nützen die
Zeit, um ganz in Ruhe noch einmal auf die Toilette zu gehen, was für sie ja im
Flugzeug wegen der sehr engen WCs nicht mehr möglich sein wird. Wenn sie erst
mal auf ihren Sitzen „verstaut“ sind, sind sie völlig immobil.
Dann läuft alles beinahe perfekt.
Da Passagiere mit Behinderung immer als erste ein- und als letzte aussteigen und
wir bei der Buchung angegeben haben, dass es sich beim Grad der Behinderung um
„WCHC“ (Wheel Chair Cabin Seat) handelt, was bedeutet, dass dieser Gast immer
einen Rollstuhl benötigt, sich auch in der Kabine nicht ohne fremde Hilfe
bewegen kann und einen eigenen Rollstuhl mitführt, kommen wir, begleitet von
zwei Männern vom MD Medicus, welche den beiden Behinderten beim Einsteigen
helfen werden, ohne Gedränge bis vor die Tür des Flugzeugs. Christian, aufgrund
von Muskelschwund geh- und stehbehindert, ist stabil genug, um hier in den
flughafeneigenen Rollstuhl gesetzt zu werden, welcher schmal genug ist, um durch
den sehr engen Gang zwischen den Sitzreihen geschoben zu werden. Da auch der
Abstand zwischen den einzelnen Sitzreihen sehr knapp bemessen ist, wird es zwar
eine anstrengende Aktion, den großen, kräftigen Mann auf seinen Platz am Fenster
zu hieven, aber es klappt. Ferdinand, nach schwerer Kinderlähmung im Alter von 2
Jahren körperbehindert, kann in diesem Flughafen-Rollstuhl nicht transportiert
werden, da er so wie man ihn reinsetzt auch wieder rausrutschen würde. Er muss
in die Kabine getragen werden, was mit seinen etwa 40 kg kein Problem ist, wenn
man weiß, wie man ihn trägt. Die verstellbare Rückenlehne seines
Elektrorollstuhls wird ganz flach gestellt, so dass er im Rollstuhl liegt. Ich
zeige dem Medicus-Angestellten, wie er einen Arm unter Ferdinands Schulter, den
anderen unter seine Oberschenkel schieben, ihn horizontal hochheben und so auch
wegtragen kann. Der Mann macht das hervorragend und legt ihn sichtlich
erleichtert auf unsere Sitzreihe. Ihn auf dem Fensterplatz auch noch hinzusetzen
ersparen wir ihm, da ich im Gegensatz zu ihm genau weiß, wie und wo man
Ferdinand anpacken kann, ohne ihm unnötig weh zu tun. Doch erst müssen wir,
Michi und ich, uns um die Rollstühle kümmern, die in den Laderaum gebracht
werden müssen. Wir schalten also die Batterien ab, stellen auf manuelle
Fahrweise um, so dass die über 80 kg schweren Gefährte geschoben werden können
und zeigen dem Personal, welche Hebel sie quasi als Bremse umlegen müssen, damit
die E-Rollis während dem Flug sicher stehen. Die ersten Passagiere drängen
bereits durch das Terminal, also nichts wie weg mit den Rollstühlen…
Nun kümmere ich mich darum, dass Ferdinand zumindest beim Start ordnungsgemäß
auf seinem Fensterplatz sitzt. Zwischen den Rückenlehnen der Vordersitze und
unserer Sitzbank ist kaum Platz genug, dass ich vernünftig stehen kann. Doch
irgendwie schaffe ich es, ihn am Rücken hochzuheben, gleichzeitig seine Beine in
Sitzstellung zu bringen und seinen Po nach hinten zu schieben, den Gurt
festzumachen und es ihm mit Hilfe unserer eigenen Kissen und Decken einigermaßen
bequem zu machen. Einfacher wäre die Aktion, wenn er auf dem Platz am Gang
sitzen könnte, da man hier mehr Bewegungsfreiheit hätte. Aber die
Fluggesellschaft, so erklärte man mir, besteht darauf, gehbehinderten Menschen
Fensterplätze zuzuweisen, weil diese sonst bei eventuellen Rettungsaktionen
nichtbehinderte Menschen behindern würden…
Wir haben Glück, der Flug ist nicht ausgebucht und der dritte Platz in unserer
Reihe bleibt frei. Ferdinand kann nämlich keinesfalls 5 Stunden (so lange
dauert, da wir wie bereits erwähnt als erste ein- und als letzte aussteigen, für
uns etwa ein 4-Stunden-Flug) sitzen. Nach dem Imbiss, der uns serviert wird,
zwänge ich mich also wieder zwischen Rückenlehne und Sitzbank und bemühe mich,
ihn hinzulegen ohne ihm große Schmerzen zuzufügen. Sein Kopf auf meinem Schoß
bedeutet, dass ich nun beinahe ebenso unbeweglich bin wie er. Wir sind heilfroh,
dass zur Landung niemand verlangt, er solle wieder ordnungsgemäß sitzen!
Ich habe das Gefühl, die Schlange der aussteigenden Passagiere endet nie. Doch
der Schein trügt, endlich sind nur noch eine Stewardess und wir 4 im Flugzeug.
Im hinteren Teil der Kabine beginnt das Reinigungspersonal mit ihrer Arbeit. Wir
stellen erschrocken fest, dass kein sogenannter „Finger“ vom Flieger in das
Flughafengebäude führt, sondern das Flugzeug über Treppen auf das Vorfeld
verlassen werden muss. Zwei spanische Angestellte des dortigen
Flughafen-Behindertenservice kommen mit dem schmalen Flughafen-Rollstuhl, setzen
Christian hinein, schieben ihn bis zur Tür und heben ihn samt Rollstuhl die
Treppen hinunter. Sein Elektrorollstuhl steht unten parat, er wird umgesetzt und
alles ist gut.
Ferdinands Rollstuhl ist noch nicht da. Die Stewardess erklärt mir, dass das
Personal vom Gepäckservice es nicht schafft, die Bremsen zu lösen und ihn auf
irgendeine Weise zu bewegen. Ich solle doch bitte behilflich sein.
Das bin ich doch gerne! Im Laufschritt die Treppen runter, um das Flugzeug herum
zum Laderaum, wo der Rollstuhl hilflos rumsteht. Ich versuche, die Batterien
wieder zu aktivieren, doch es klappt nicht. Vielleicht bin ich zu nervös. Also
lege ich nur die beiden Bremshebel um und schiebe das Gefährt bis vor die
Treppe. Nun schnell die Bremse wieder rein und die Gangway rauf. Hilflos, heftig
gestikulierend und mit der Stewardess diskutierend stehen die eigentlich
hilfsbereiten Männer vor der krummen und wehrlos daliegenden Gestalt namens
Ferdinand. Als ich ihnen zeigen will, wie sie ihn anpacken sollen, schütteln sie
energisch den Kopf.
Sie wollen ihn nicht tragen, es sei zu gefährlich, übersetzt die Stewardess.
Mein Angebot, ich würde ihn selber hinunter tragen, wird sowohl von der
Flugbegleiterin als auch von Ferdinand rigoros abgelehnt.
Die Putzkolonne wartet bereits ungeduldig darauf, dass wir den Weg freimachen
und sie weitermachen können. Da ich kein Spanisch verstehe, weiß ich nicht,
warum sich einer der beiden plötzlich doch zeigen lässt, wie Ferdinand getragen
werden kann. Nachdem ich also die Griffe vorgeführt habe, ziehe ich ihn am Kopf
soweit vom Sitz heraus auf den Gang, dass der nun so bereitwillige Angestellte
ihn problemlos unter Schultern und Oberschenkel fassen, anheben, aus dem
Flugzeug und die Treppen hinunter tragen und sicher in seinen Rollstuhl legen
kann. Wieder schaffe ich es nicht, die Batterien, die ich mit einem dafür
vorhandenen Magnet abgeschaltet hatte, wieder anzuschalten. Doch Michi stellt
rasch fest, dass der Stecker vom Motor herausgezogen worden war.
Jetzt funktioniert alles, wir können quer über das Vorfeld ins Gebäude, um unser
Gepäck zu holen.
Der Hinflug war geschafft! Unser Gepäck ist vollzählig und heil, eine
TUI-Angestellte begleitet uns zu dem bestellten und parat stehenden
Sondertransfer ins Hotel. Wir genießen zwei Wochen La Palma mit Sonne und Meer
in einem für Rollstuhlfahrer bestens geeigneten Hotel.
Drei Tage vor dem Rückflug:
Sicherheitshalber erkundigen wir uns bei der Dame von TUI (da ich ihren Namen
nicht mehr weiß, nenne ich sie für den Rest der Geschichte „Maria“), ob in
Sachen Transfer, Behindertenservice und Flugzeiten irgendwelche Änderungen zu
erwarten sind. Keine Änderungen, erfahren wir, doch mit der Einstiegshilfe für
Ferdinand gäbe es Komplikationen. Die Angestellten, die beim Aussteigen geholfen
haben, hätten sich beschwert. Ferdinand sei zu schwer, um ihn ohne den
Flughafen-Rollstuhl aus dem oder in das Flugzeug zu tragen. Christian, der gut
20 kg schwerer als Ferdinand ist, kann bei dieser Aussage ein schadenfrohes
Grinsen nicht unterdrücken.
Aber die Fluggesellschaft wollte sich noch etwas einfallen lassen, wir bekämen
noch Bescheid und brauchten uns keine Sorgen zu machen. Ein Anruf am nächsten
Tag versichert uns, es sei alles geregelt.
Der Transfer ist pünktlich. Am Flughafen empfängt uns Maria, begleitet uns zum
Check-in und regelt dort, der spanischen Sprache mächtig, alles für uns. Nach
einem Blick auf die Platzkarten stellt Christian fest, dass er die Sitze „C“ und
„D“ bekommen hat. Da zwischen diesen beiden Sitzen der Gang liegt, würde sein
Helfer Michi also nicht direkt neben ihm sitzen, was jedoch dringend
erforderlich war. Maria versteht das, sammelt unsere Bordkarten wieder ein und
geht erneut an der Schalter, um das zu ändern. Als sie die neuen Karten bringt,
haben Ferdinand und ich „C“ und „D“, was ja noch unmöglicher war. Aber das wäre
nur auf dem Papier so, erklärt Maria, für uns beide wären nun 4 Sitze, also „A“
bis „D“ reserviert, weil das Flugzeug nicht ausgebucht sei.
Nun versucht sie, obwohl sie es auch noch nicht genau wusste, uns zu erklären,
was sich das Hilfspersonal hat einfallen lassen, um den schweren Jungen
Ferdinand nicht die Treppen hinauf ins Flugzeug tragen zu müssen:
Christian im Rollstuhl, Michi und ich mit allem Handgepäck sollten ganz normal
durch die Kontrollschleusen in den Warteraum gehen, Ferdinand würde mit einem
„Spezialauto“ an das Flugzeug gebracht.
Wieder hat der Flug etwa 1 Stunde Verspätung. Als es endlich soweit ist,
verabschiede ich mich von Ferdinand und überlasse ihn der netten Maria. An der
Kontrollschleuse kommt es zu ersten Unklarheiten, da ich zwei Bordkarten habe,
aber nur eine Person bin. Wie sollte ich der nur spanisch sprechenden
Angestellten erklären, dass die zweite Person ein Rollstuhlfahrer ist, der mit
irgendeinem Fahrzeug an oder vielleicht auch in das Flugzeug gebracht wird? Ich
versuche das Unmögliche mit Händen und Füßen so lange, bis sie aufgibt und mich
gehen lässt. Gerade habe ich sämtliches Gepäck auf das Fließband gelegt, welches
es durch den Röntgenapparat schleusen wird, als ich hinter mir laut meinen Namen
rufen höre:
„Karin, Karin halt – wir brauchen dich!!!“
Maria winkt aufgeregt. Mein Gepäck wandert langsam weiter, während sie der
spanischen Angestellten leidenschaftlich zu erklären versuchte, dass ich nochmal
zurück muss.
„Was mach ich mit dem Gepäck?“ ruf ich ihr zu. Christian und Michi hatten die
Kontrollschleuse bereits passiert und sicher nicht mehr mitbekommen, dass ich l
zurück sollte. Also würden sie wahrscheinlich auch mein Gepäck auf der anderen
Seite nicht aufsammeln.
„Nimm alles wieder mit…“
Gerade noch rechtzeitig schnappe ich mir alle Teile, erwische glücklicherweise
auch noch Ausweise, Tickets und Geld aus dem kleinen Körbchen, das eben im
Röntgenapparat verschwinden wollte und kämpfe mich vollgepackt entgegen dem
Menschenstrom.
Was war geschehen?
Das „Spezialauto“, in dem Ferdinand zum Flugzeug gefahren werden sollte, war
schlicht und einfach ein Sanitätswagen, in welchem er auf einer Trage liegend
transportiert wurde. Ferdinand hatte sich geweigert, sich von den Sanitätern
ohne genaue Instruktionen, die er ja nicht geben konnte, weil sie nur Spanisch
verstanden und Maria die Verantwortung nicht übernehmen wollte, vom Rollstuhl
auf die Trage legen zu lassen.
Ich stelle alle Taschen ab, hebe Ferdinand auf die Trage und bitte Maria, den
Sanitätern zu übersetzen, dass sie Ferdinand nur in meinem Beisein ins Flugzeug
bringen sollen.
„Was passiert nun mit dem Rollstuhl?“ frage ich, als Ferdi, dem genau wie mir
das alles nicht ganz geheuer ist, weggebracht wird.
„Ich weiß nicht…“ Maria ist ratlos. „Kannst du ihn auch fahren? Kannst du ihn
nicht mitnehmen?“
Kann ich, klar doch.
Ich lade mein Handgepäck auf den Rollstuhl, schalte ihn ein und lenke ihn
vorsichtig, den Joystick von der Seite aus bedienend, durch die Menschenmenge.
Ein wenig Übung habe ich ja glücklicherweise, doch ganz wohl ist mir nicht
dabei.
Wieder lege ich vor der Kontrollschleuse alles auf das Laufband, den Rollstuhl
muss ich durch einen separaten Eingang fahren, wo er provisorisch abgetastet und
kontrolliert wird. Maria wünscht mir alles Gute und ist sichtlich erleichtert,
ihren Part hiermit abgeschlossen zu haben.
Christian und Michi amüsieren sich köstlich, als ich ihnen die Story erzähle,
nachdem ich mit Gepäck und Rollstuhl bis zu ihnen ganz nach vorne zum Ausgang
vorgedrungen bin. Das Flugfeld liegt vor uns, wir sehen weder unser Flugzeug
noch das Sanitätsauto, in dem Ferdinand liegt.
„Die haben ihn bestimmt in irgendein Flugzeug gesteckt!“ scherzt Christian.
„Hauptsache, der schwere Krüppel ist weg…“
Wir werden aufgerufen, zum Ausgang zu kommen. Trotz meiner Nervosität habe ich
den Rollstuhl gut im Griff, bringe ihn sicher ans Flugzeug, wo die Leute vom
Gepäckservice schon darauf warten. Während ich den Motor abschalte, den Schalter
diesmal gleich selber abziehe und den Gepäck-Leuten zeige, wie man Bremse an-
und abstellt, fragt mich ein Mann in Uniform, ob ich Englisch spreche und ob ich
wüsste, wie der Behinderte aus dem Sanitätsauto in Flugzeug gebracht werden
könnte.
Die Männer vom Gepäck haben scheinbar alles verstanden, bringen den Rollstuhl in
den Laderaum und ich erkläre dem Uniformierten, dass man ihn wohl die Treppen
hinauftragen müsse.
So und nicht anders geschieht es dann auch.
Ferdinand hatte diese Aktion etwas anders erlebt. Niemand im Auto sprach deutsch
oder englisch, niemand konnte ihm irgendetwas erklären. In rasantem Tempo war
das Sanitätsauto um das Flughafengebäude herum auf das Vorfeld gefahren und dann
einfach vor dem Flugzeug stehen geblieben, ohne dass irgendetwas passierte. Die
Zeit verging, er sah das Flugzeug, sonst nichts. Er wusste nicht, ob wir und die
anderen Passagiere bereits eingestiegen waren und die Zeit des Wartens erschien
ihm endlos. Nicht nur ein Stein, schon eher ein ganzes Gebirge fiel ihm vom
Herzen, als er endlich auf seiner Trage aus dem Wagen gebracht und vor die
Gangway gefahren wurde, wo Christian in seinem Rollstuhl, Michi und ich auf ihn
warteten.
Nun wird, wie in München, Christian auf den schmalen Rollstuhl gesetzt, die
Treppen hinaufgetragen und auf seinen Platz gehievt. Danach Ferdi, ohne
Rollstuhl…
Wir sind sprachlos ob des grandiosen Einfalls, wie man das Einsteigen
erleichtern konnte! Der Flugkapitän schien von der Aktion ebenfalls sehr
beeindruckt und will kurz mit mir sprechen.
Es sei das erste Mal, dass er mit schwer körperbehinderten Passagieren an Bord
konfrontiert sei, erklärt er mir freundlich. Es interessierte ihn, ob wir eine
spezielle Gruppenreise für Behinderte und die zusätzlichen Sitze gebucht hätten.
Als ich dies verneine und erkläre, dass wir ganz privat unterwegs sind, dass wir
zwar die Ein- und Ausstiegshilfe für die Behinderten beantragt, jedoch nur
jeweils einen Sitzplatz gebucht hätten, ist er sehr überrascht.
„Es gibt doch die Möglichkeit, einen Stretcher für liegend zu transportierende
Passagiere anzufordern!“
Das ist wohl richtig. Wir hätten bei der Einstufung des Behinderungsgrades
anstelle von „WCHC“ (wie anfangs erläutert) auch „STCR“ (das heißt Stretcher und
bedeutet, dass der Gast liegend transportiert werden muss) angeben können. Doch
dazu muss man eine ganze Sitzreihe, die ausgebaut werden muss um Platz für diese
Trage zu machen, bezahlen.
„Wenn es sich um einen Krankentransport handelt, werden diese Kosten von der
Kasse bezahlt, “ erkläre ich ihm. „Wir müssten das selber bezahlen und könnten
uns somit keinen Urlaub mehr leisten!“
Er versteht dies gut und ist schockiert, dass wir bei einem Flug immer damit
rechnen müssen, mit nur zwei Sitzen zurechtzukommen.
Das Interesse und Mitgefühl des Flugkapitäns fand ich toll!
Ankunft in München.
Auch hier kein „Finger“ vom Flugzeug ins Gebäude, auch hier nur die Treppe aufs
Vorfeld. Aufs Neue muss ich den Männern vom Behinderten-Service deutlich machen,
dass Ferdinand nicht mit dem Flughafen-Rollstuhl transportiert werden kann.
Wieder weigern sich die Angestellten, ihn hinunter zu tragen.
„Wir lassen einen Stretcher kommen, “ erklärt einer der beiden. „Ich mach mir
doch mein Kreuz nicht kaputt!“
Irgendwie schon Routine, wir nehmens gelassen hin.
Vom Fenster aus kann ich sehen, wie Ferdinands Rollstuhl aus der Ladeluke
gehievt wird. Niemand weiß, wie die Bremsen zu lösen sind. Ich befürchte das
Schlimmste, als ich zusehen muss, wie die ratlosen Arbeiter an Rücken- und
Armlehnen zerren und ziehen, um das Gefährt zu bewegen.
„Kann ich nicht runtergehen und den Rollstuhl anschalten?“ frage ich in die
Runde, die nur noch aus dem Flugkapitän, den Männern vom Behindertenservice,
Ferdinand und mir besteht.
„Eigentlich ist das nicht erlaubt.“ erwidert der Kapitän.
Nach einem Blick aus dem Fenster auf den geschundenen Rollstuhl aber meint er:
„Ich gehe mit Ihnen hinaus, dann dürften wir keine Schwierigkeiten bekommen!“
Dankbar überlassen mir die Männer vom Gepäck das schwere Vehikel. Ich schalte es
ein und lenke es problemlos vor die Treppe. Der Angestellte vom
Behindertenservice schaut interessiert zu und fragt plötzlich:
„Wie viel wiegt er denn?“
„Etwa 90 kg, “ erwidere ich.
Seine Reaktion, die in etwa war: „Puh, nein, keinesfalls!“ irritiert mich und
ich frage nach:
„Sie meinen schon den Rollstuhl?“
„Nein, ich meine den Herrn im Flugzeug.“
Ich lache.
„Ach so, nein – der wiegt nur knapp 40 kg!“
„Also gut, dann mach ich es doch!“ entschlossen zieht er seine dicke Jacke aus,
wirft sie seinem Kollegen zu und gefolgt von mir eilt er wieder die Treppe
hinauf. Mittlerweile geübt ziehe ich Ferdi am Kopf zur Hälfte von der Sitzreihe
auf den Gang, der Mann hebt ihn genau wie ich es ihm erklärt hatte hoch und
trägt ihn sicher und problemlos hinunter zum Rollstuhl.
Das ist eine kleine, wahre Geschichte.
Sie ist keinesfalls ein Vorwurf an Fluggesellschaften, Flugpersonal oder
Behindertenservice. Sie alle geben ihr Bestes!
Aber vielleicht regt diese Geschichte zum Nachdenken darüber an, wie man
schwerst körperbehinderten Menschen eine Flugreise menschenwürdiger und trotzdem
bezahlbar ermöglichen könnte…
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