Ferdinand Schießl
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Änderung der Beatmung ab Dezember 2004
Ich wollte es nicht glauben, dass mit mir etwas nicht in Ordnung sein sollte, doch meine Freunde sagten mir immer wieder, es sei nicht normal, dass ich so oft müde und schlapp wirkte. Bei Autofahrten, beim Fernsehen oder Lesen fiel ich immer öfter in einen sogenannten Sekundenschlaf, was für mich sehr gefährlich war, da ich beim Schlafen zu atmen aufhöre. Die kleinsten Anstrengungen ermüdeten mich enorm, Unternehmungen mit Freunden hielt ich nicht mehr lange durch, wohl fühlte ich mich nur noch in „meiner Lunge“, also in meinem mich beatmenden Bett. Nach langem Verdrängen meinerseits und gleichzeitigem Drängen meiner Mitmenschen machte ich endlich einen Termin beim Arzt aus. Dieser stellte fest, dass meine Blutwerte total am Boden waren. Der Stickstoffgehalt war viel zu hoch, der Sauerstoffgehalt entsprechend viel zu wenig. Das musste wohl oder übel an der Beatmung liegen. In der Lungenklinik, in die ich sofort eingewiesen wurde, erklärte man mir mit sehr deutlichen Worten, dass meine gute alte eiserne Lunge mich nicht mehr mit genügend Sauerstoff versorgte. Für mich war dies eine sehr harte und brutale Diagnose. Ich wollte und konnte es einfach nicht glauben, dass dieses Beatmungsgerät, das mich von klein auf begleitet und mir so gute Dienste erwiesen hatte, plötzlich nicht mehr gut für mich sein sollte. Doch der Arzt sagte mir, es sei höchste Zeit, mich auf eine andere Art der Beatmung umstellen zu lassen, ansonsten würde ich in nicht allzu ferner Zeit einfach einschlafen und nie wieder aufwachen.

Dieses Argument war sehr überzeugend. Auf die Frage, welche Möglichkeiten es für mich gibt, meinte er, entweder einen Luftröhrenschnitt oder eine Beatmungsmaske. Ersteres lehnte ich entschieden ab, denn ein Loch im Hals wollte ich nur, wenn gar nichts anderes mehr helfen sollte. Doch auch bei dem Gedanken, meine Beatmung einem ganz neuen, für mich fremden Gerät zu überlassen, machte mich nervös. Ich konnte mich lange nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass irgendetwas anderes als meine eiserne Lunge für mich Sinn haben könnte. Doch einfach einschlafen und nie wieder aufwachen, das wollte ich keinesfalls. Also erklärte ich mich bereit, es mal mit der Atemmaske zu versuchen und sofort, als hätten sie nur auf ein Zeichen gewartet, kamen zwei Krankenschwestern mit allen möglichen Beatmungsgeräten herein. Einige Masken wurden mir nacheinander auf die Nase gedrückt, bis eine passende gefunden wurde, mit der ich den ersten Versuch starten konnte. Jetzt musste noch die richtige Maschine für mich gefunden werden. Bei der ersten konnte ich schon nach einigen Atemzügen sagen, dass es damit nicht klappen würde, aber beim dritten Gerät hatte ich das Gefühl, es eine Weile versuchen zu können. Die darauf folgende Nacht wurde für mich zur Katastrophe.


Ich ließ mich auf das für mich ungewohnte Bett legen, wurde an verschiedene Messgeräte angeschlossen und die Maske, durch einen Schlauch mit dem ausgewählten Atemgerät verbunden, wurde mit 2 Gummibändern um den Kopf herum fest an die Nase gepresst. Ich versuchte, mich an den Rhythmus der neuen Maschine zu gewöhnen. Es war irgendwie komisch, die Luft in die Nase gepresst zu bekommen, ganz anders, als das beinahe natürliche Ein- und Ausatmen in der eisernen Lunge. Doch wenn ich mich bemühte, mich nicht dagegen zu wehren, merkte ich, dass die geballte Luft meinem Körper gut tat und ich fühlte förmlich, wie ich kräftiger zu werden schien. Aber beim Einschlafen kam die Angst, das Unterbewusstsein vermisste den Takt meiner alten Lunge und ich glaubte, ich könnte jeden Moment aus dem Bett fallen. Nach einer Stunde rief ich meinen Helfer und ließ mich in die so einladend bereit stehende eiserne Lunge legen, um endlich zu schlafen.

Ich übte stundenweise weiter, auch tagsüber. Meine Blutwerte besserten sich deutlich, was mir Mut machte. In der dritten Nacht im Krankenhaus schaffte ich es, mit dem Atemgerät eine Weile durchzuschlafen und durfte nach Hause.

Hier wartete ein kleiner Lichtblick auf mich. Denn es war mir nie vergönnt gewesen, Arm in Arm oder Hand in Hand mit meiner Freundin einzuschlafen. Ich lag ja immer eingesperrt in der eisernen Lunge. Nun konnte ich neben ihr im Bett schlafen, was ein sehr großer Anreiz war, mich an die neue Methode zu gewöhnen. Aber nach über 40 Jahren in einem normalen Bett zu schlafen, ohne schützende Wände drumherum, war enorm schwierig. Immer wieder wurde ich wach, weil ich dachte, der Deckel der Lunge sei nicht zu oder glaubte, keine Luft zu bekommen. Ich wusste, dass alles nur Einbildung war, aber ich konnte einfach nicht verhindern, dass ich immer wieder nach Luft schnappend und panisch aufwachte. Die Nächte wurden zur Qual, durchschlafen war weder für mich noch für meine Freundin möglich. Einige Male habe ich energisch und zornig von ihr verlangt, sie solle mich endlich wieder in die Lunge legen, ich hätte einfach keinen Bock mehr auf den ganzen Mist. Aber sie lehnte es schlicht und einfach ab: „Das mach ich nicht, du schaffst das schon!“

Bis eines Nachts, als ich wieder aufschreckte, Karin aufstand, mir wie immer beteuerte, es sei alles in Ordnung, sich einen Stuhl ans Bett schob, sich hinsetzte und meine Hand nahm. Sonst nichts.

„Was machst du denn jetzt?“ fragte ich irritiert.

„Ich bleibe jetzt hier sitzen und halte deine Hand, bis du endlich fest einschläfst – und wenn ich die ganze Nacht hier sitze!“ erklärte sie zwar in sehr freundlichem, aber auch sehr bestimmten Ton. Ich wusste, sie würde tatsächlich stundenlang hier sitzen, ohne zu schlafen. Das wollte und konnte ich ihr nicht antun und von dieser Nacht an wurde es immer besser.
Heute bin ich „fit wie ein Turnschuh“, schlafe nachts fest und ausgiebig und bin tagsüber genauso ausgiebig wach und aktiv. Die Ära „eiserne Lunge“ ist Vergangenheit…