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Wenn ich mich als junger Mann in ein nettes Mädchen verliebt hatte, endete dies
für mich immer enttäuschend und ich litt schwer darunter. Meist erledigten sich
meine zaghaften und ungeschickten Versuche des Anbandelns mit den schrecklichen
Worten:
„Du bist ja ganz nett, aber...“
Eines Tages, nachdem wieder einmal zarte Bande mit diesen Worten zerstört wurden
bevor sie eigentlich geknüpft waren, beschloss ich, dies nie wieder hören zu
müssen. Ich fand mich damit ab, dass es keine Frau gibt, die einen Menschen wie
mich lieben könnte und die ihr Leben mit mir leben möchte. Irgendwie schaffte
ich es, keine diesbezüglichen Gefühle mehr zuzulassen und hörte im Laufe der
Jahre wirklich auf, darunter zu leiden. Eine Beziehung, Partnerschaft oder Ehe
war einfach etwas, auf das ich verzichten musste.
Viele Jahre später – die Mauer, die ich um mein Herz gebaut hatte, war
unangreifbar – traf ich sie:
Die Frau, von der ich einst geträumt hatte.
Wir begegneten uns im Internet, dieser phantastischen, imaginären Welt, in der
erst einmal alle Menschen gleich, anonym und nur ein meist erfundener Name sind.
Und doch gibt es spontane Sympathie oder auch Abneigung gegenüber diesen
wesenlosen Menschen in Cyberworld. Wenn ich heute darüber nachdenke, so wackelte
der erste Stein meiner Mauer wohl schon bei der Begrüßung, als ich mit dem
erfundenen Namen „kleiner frosch“ den Chatraum betrat und eine „onnlein“ mich
mit „hallo Fröschlein“ empfing. Wir redeten bzw. schrieben stundenlang,
verstanden uns auf Anhieb und waren uns sympathisch. Auch als ich mich als
Behinderter zu erkennen gab, änderte sich an ihrer erfrischenden, natürlichen
Art, sich mit mir zu unterhalten, nichts. Unsere allabendlichen „Gespräche“
waren für mich bald unentbehrlich und ich ertappte mich immer öfter dabei, dass
ich es kaum erwarten konnte, bis „onnlein“ endlich online kam. Als sie
allerdings eines Tages so ganz nebenbei erwähnte, wir sollten uns doch auch mal
offline treffen, bekam ich panische Angst davor, mich trotz der mühsam
aufgebauten Mauer wieder verliebt zu haben, Angst vor einer erneuten
Enttäuschung, Angst vor den realen Gefühlen, die bisher immer nur mit Leiden
verbunden gewesen waren. Ermutigt durch einen Freund, dem ich daraufhin von der
Internet-Bekanntschaft erzählte, ließ ich mich auf ein Treffen ein.
Dieses Treffen ließ meine unverwüstliche Mauer einstürzen wie ein Kartenhaus.
Dem ersten Besuch folgten weitere, wir kamen uns nun auch real immer näher und
das Gefühl der Zuneigung, das wir beide schon in der irrealen Welt des Internets
gespürt hatten, wurde Wirklichkeit: Wir lieben uns.
Eine Partnerschaft mit einem Menschen wie mir ist, wie man sich sicherlich
vorstellen kann, nicht unkompliziert. Ich brauche und bekomme 24 Stunden am Tag
Assistenz, was bedeutet, dass 24 Stunden am Tag ein Helfer an meiner Seite ist.
Ich bin das gewöhnt, für Karin jedoch war das etwas ganz neues. Sie hatte
überhaupt keine Erfahrung mit irgendwelchen Arten von Behinderungen und geriet
ausgerechnet an mich, der, was körperliche Behinderungen betrifft, so ziemlich
das meiste zu bieten hat. Doch sie war vom ersten Tag an sehr interessiert an
allem, was die Helfer mit und an mir machten und beobachtete jeden Vorgang sehr
genau. Mir eine Jacke anziehen war die erste Aktion, die sie von sich aus tun
wollte. Dem folgten nach und nach alle Dinge wie Zähneputzen, mich vollständig
anziehen, in den Rollstuhl heben und so weiter. Sie wollte es schaffen, so
sicher im Umgang mit meiner Behinderung zu werden, dass wir ab und zu auch mal
alleine, ohne Helfer, sein könnten. Heute sind wir beide ein tolles Team, das
alles schafft und können auch längere Zeit in trauter Zweisamkeit verbringen.
Doch leider werden wir wohl nie richtig als Paar zusammenleben. Da sie
glücklicherweise gesund und demzufolge auch berufstätig ist, dabei aber kein
Vermögen verdient, können wir uns eine gemeinsame Wohnung nicht leisten. Meine
Grundsicherung würde gestrichen, wenn sie bei mir einzieht und eventuell würden
auch noch einige der 24 Helfer-Stunden gekürzt…
Karins Liebeserklärung

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