Ferdinand Schießl
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Polios sind freundliche, ehrliche und liebenswerte Geschöpfe, die heutzutage nur noch sehr selten vorkommen. Das liegt hauptsächlich daran, dass die Menschen nie so recht mit ihnen umzugehen wussten und glaubten, sie müssten verhindern, dass sie sich vermehrten. Denn Polios werden nicht als solche geboren, sondern ganz unauffällig und herkömmlich als winziges, das Leben mit kräftigem Schreien begrüßendes Menschen-Baby. Nur die Polio-Viren, klitzekleine und mit bloßem Auge nicht sichtbare Geschöpfe, die in großen Scharen weltweit immer auf der Suche nach ihnen sind, erkennen sofort, welchem neuen Menschlein ein Leben als Polio zugestanden werden könnte. Schon beim ersten Schrei eines Neugeborenen können sie erkennen, ob ein Polio-Kandidat das Licht der Welt erblickt hat. Wenn dem so ist, versuchen sie eifrig, den neuen Erdenbürger so früh als möglich für sich zu gewinnen. Denn je jünger, unbeschwerter und ursprünglicher der Anwärter, desto größer die Chance, dass sich aus ihm ein echter, manchmal gar ein Königspolio entwickeln könnte. Die Zeit, in der die Viren ein Kind in einen Polio umwandeln, wirkt für die Menschen grausam und gefährlich. Wenn die Entwicklung beendet ist, betrachten sie diese neuen Wesen mitleidig und reihen sie, weil sie es ja nicht anders wissen, in die Kategorie „behinderte Menschen“ ein. Und weil Behinderung nun einmal etwas sehr negatives ist, versuchen hochintelligente Wissenschaftler seit vielen Jahren, die Aktivitäten der Viren zu stören und arbeiten unerbittlich daran, sie zu bekämpfen und zu vernichten.

Doch auch heute noch gelingt es den emsigen Viren ab und zu, die Menschen zu überlisten und neue Polios zu erschaffen. Königspolios aber, diese hellwachen, sehr klugen und geistreichen Geschöpfe in ihren kleinen, verkrümmten und aus menschlicher Sicht nutzlosen Körpern, gelingen so gut wie nicht mehr, weil die Viren meist bevor sie ihre Arbeit sorgfältig beenden können entdeckt und vernichtet werden…

Frohgestimmt und heiter beginnt ein Königspolio, also ein voll ausgebildeter und überzeugter Polio, jeden Tag, genießt jede Stunde und tut nur das, woran er Freude hat. Ob männlich oder weiblich, Königspolios neiden niemandem etwas, gönnen sowohl ihren Mitpolios als auch ihren Mitmenschen alles, sind sehr einfühlsam, hilfsbereit und für alles offen. Sie sind kurz gesagt die friedvollsten Wesen auf Erden.

Doch auch sie haben Feinde:

Die Dollmäns

Große, kräftige Vögel sind das, mit schwarzem Federkleid, gewaltigen Krallen und mächtigem Schnabel. Sie lieben die Polios – jedoch nur, um sie zu jagen, zu fangen, zu zerfleischen und häppchenweise zu verschlingen. Ununterbrochen sind sie auf der Suche nach den rar gewordenen, appetitlichen Königspolios und wenn sie erst einen gefunden haben, wird dieser nicht mehr aus den Augen gelassen. Mit durchdringendem, grauenerregendem Krächzen verständigen sie auch auf weite Entfernungen ihre Artgenossen, die dann so schnell wie möglich herbeieilen. Von Ast zu Ast flatternd oder scheinbar uninteressiert auf Wiesen und Straßen nebenher trippelnd bleiben sie immer in der Nähe des Opfers, um eine günstige Gelegenheit für einen Angriff abzuwarten. Sie wissen nur zu gut, dass Polios relativ hilflos jeglichen Attacken gegenüberstehen, da diese selbst niemals irgendjemanden angreifen würden. Und so fällt es ihnen nicht besonders schwer, einen ausfindig gemachten Polio zu beschatten und, sobald er alleine ist, mit ihren scharfen Krallen und dem stählernen Schnabel grausam zu töten, um ihnen das zarte Fleisch von den Knochen zu reißen und ihren Heißhunger auf Königspolios für eine Weile zu stillen.

Es gibt auch Dollmäns mit weißem Federkleid, doch diese sind den Polios wohlgesinnt. Sie leben am Meer und ernähren sich überwiegend von kleinen Fischen und anderen Meeresfrüchten. Sobald sie einen Königspolio in ihrer Nähe wissen, verjagen sie die bösartigen, schwarzen Namensvettern fanatisch und die kleinen Freunde dürfen sich in Sicherheit wiegen. Da die Mehrzahl der wenigen, übrig gebliebenen Königspolios nicht am Meer lebt und somit die gutmütigen, weißen Dollmäns nicht immer ein Auge auf sie werfen können, sind diese aber keine allzu große Hilfe für sie. Weit entfernt von wohltuenden Meeresbrisen, brausenden Brandungen, herrlichen Sandstränden und den beschützenden weißen Leibwächtern leben die friedvollen Polios also stets mit der qualvollen Angst vor den schwarzen Scheusalen. Sie können mit niemandem über ihre Todesängste reden, denn keiner würde ihnen glauben. Nur Königspolios kennen diese gefährlichen Feinde, die für die nichtpoliotischen Mitbürger nur große schwarze Vögel, aber keine Lebensgefahr darstellen. Man würde sie nur auslachen. Und ausgelacht zu werden ist für den netten, kleinen, aber doch selbstbewussten Königspolio so ziemlich das Schlimmste, was ihm neben den schrecklichen Dollmäns widerfahren kann. Also schweigt er und sucht stattdessen immer neue Ausreden, um den Weg, an dem er Dollmäns sieht oder auch nur vermutet, umgehen zu können.

Eines Tages lag ein unendlich zufriedener, unbeschwerter und glücklicher kleiner Königspolio am Waldrand in einer Wiese und gab sich genüsslich den wohltuenden Abendsonnenstrahlen hin. Er hatte sich von einem menschlichen Freund hier hinlegen lassen und wollte eine Weile mit sich und der Natur alleine sein. Alles war so unendlich friedlich, einige Grillen zirpten noch lustig vor sich hin, fernes Kinderlachen klang wie beschwingte Musik, zu welcher ab und zu ein Specht den Takt hämmerte. Das war ein fröhliches Konzert, dieses entfernte „hahaha, hi, hi, hi – poch poch – hahaha, hi, hi, hi – poch poch – hahaha, grahhh, grahhh, graaaaaaaaaaaaaaaahhhh…..“

Was war das?

Dem Königspolio gefror schier das Blut in den Adern. Nun konnte er ihn auch sehen, direkt über ihm auf einem Ast starrten böse, lüsterne Augen ihn durchdringend an. Und erneut krächzte das Monster diesen schauderhaften, durch Mark und Bein gehenden Schrei. Schon hoppelte ein weiteres Ungeheuer durch die Wiese auf ihn zu, nein, nicht eines, drei, vier der grausigen, riesigen gefiederten Gestalten bewegten sich auf ihn zu und auch in den Bäumen vermehrten sie sich rasend schnell. Aufspringen und weglaufen wäre die einzige Rettung für den Polio – aber das konnte er ja nicht. Die dünnen, kraftlosen und verkrümmten Beinchen waren dazu nicht fähig, weil ein Polio wenig Muskelkraft besitzt und ein Königspolio so gut wie gar keine. Die Ärmchen waren genau so hilflos und nicht fähig, irgendetwas oder irgendjemanden zu vertreiben. Das Kinderlachen war verstummt, keine Menschenseele weit und breit. Sogar der Specht hatte aufgehört zu klopfen. Alles was er sah, waren diese gierigen Augen, in denen deutlich zu lesen war, was gleich passieren würde. Alles was er hörte, war dieses blutrünstige, grauenvolle Gekrächze.

Ein ganz leiser Windhauch und gleichzeitig ein kaum hörbarer, dünner, hell klingender Ton schien den Königspolio sanft und beruhigend zu berühren. Und im selben Augenblick flatterten alle Dollmäns gleichzeitig los. Doch anstatt sich, wie er todsicher zu wissen geglaubt hatte, auf ihn zu stürzen, flogen sie wie von der Tarantel gestochen auf und in alle Himmelsrichtungen davon. Der kleine Königspolio konnte nicht begreifen, was er hier erlebte. Denn dieser leise, hell klingende Windhauch war sichtbar geworden, ein winziges, in der Luft wedelndes Wesen, das ihn an eine nicht ganz durchgeschnittene Semmel erinnerte. In unglaublichem Tempo, schon beinahe in Lichtgeschwindigkeit wurde das Geschöpf größer und größer, riesig, dann riesengroß und schnappte mit den zwei Semmelteilen nach den flüchtenden Dollmäns. Wie viele der bösartigen Biester in diesem danach genau so flugs wieder klein, kleiner, winzig und unsichtbar werdenden Luftzug verschwunden waren, konnte der hilflose Beobachter nicht sagen. Es konnten 5 oder 25 gewesen sein, jedenfalls war augenblicklich keine der mordlustigen Gestalten mehr zu sehen.

Das Herz des geretteten Königspolios klopfte wild. Dieses Erlebnis war unbeschreiblich, unglaublich, unfassbar. Doch er würde niemandem davon erzählen, da ihm auch das niemand glauben würde. Zum Märchen degradiert, als Fabelwesen abgestempelt oder als Phantasiegeschöpf bezeichnet worden war dieses ihm eben begegnete Wesen schon vor langer, langer Zeit.

Aber dieser Königspolio wusste jetzt, dass es den sagenhaften Beschützer und Retter der Königspolios wirklich gibt:

den Semmelfalter.

WICHTIG:

Der Semmelfalter, eine lateinische Bezeichnung gibt es für ihn nicht, ist ein uraltes Lebewesen der dritten Art. Er ist unsichtbar für alle menschlichen Geschöpfe dieser Erde. Niemand soll an ihn glauben, niemand soll über ihn erzählen. Nur dann wird er in gefährlichen Situationen weiterhin eingreifen.

Da ich eine ganz besondere Beziehung zu dem Königspolio habe, dem dieses widerfahren ist, darf ich mit ausdrücklichem Einverständnis des Semmelfalters nur DIR diese Geschichte erzählen. Bitte behalte sie für dich, bitte glaube sie mir nicht und bitte erzähle sie nicht weiter! Sonst verlieren die wenigen Königspolios, die es noch gibt, ihren Beschützer.

Danke.

Copyright: ( knortl99@hotmail.com )